Aktuelles

12/2018

Jule Friedrich

HebammenWissen macht’s möglich …

… dass sich Hebammen kompetent und Frauen sich sicher fühlen und Babys zufrieden sind«

Eine von mir betreute Wöchnerin staunte neulich über das umfangreiche Hebammenwissen, dem sie bei der Betreuung durch verschiedene Kolleginnen begegnet ist. Was wir so alles vermitteln – sie war ganz beein­druckt. Wenn ich mein überquellendes Fachbücherregal anschaue, wundere ich mich auch manchmal, was sich da alles angesammelt hat im Lauf der Jahre. Allein die beiden Grundlagenwerke »Hebammenkunde« und »Das Hebammenbuch« haben knapp unter beziehungsweise weit über 1000 Seiten. Das muss alles in die Köpfe, Herzen und Hände der werdenden Hebammen. Uff!

Gefühlt kommt täglich ein neues hebammenrelevantes Buch auf den Markt, entweder ein Fachbuch oder ein Ratgeber für die Frauen und Familien. Dazu die vier Hebammenzeitungen allein in Deutschland, die immer dicker werden, Forschungsartikel im Internet, Haus-, Bachelor-, Master- und Promotions-arbeiten und, und, und … Wer soll das alles lesen, verstehen, kritisch bewerten und dann anwenden – oder auch verwerfen?

Da fällt mir eine Folie ein, die eine Kollegin aus Großbritannien bei einem der ersten Forschungsworkshops in den 80er-Jahren auf­legte: Schwangere auf der Schaukel schwingend, daneben die Hebamme mit Papieren in der Hand und in der Sprechblase: »Laut neuesten Erkenntnissen ist dies die ideale Geburtsvorbereitungsmethode!«

Neben all dem Wissen auf Papier gibt es noch das für die Ohren, bei Fortbildungen, Kongressen und in Qualitätszirkeln sowie für die Augen im Internet durch Online-Schulungen oder auf Postern. Hebammenakademien verschiedenster Anbieter und wissenschaftlicher Service, auch seitens der Industrie, werden immer mehr. Neben den originären Arbeitsfeldern wird auch noch all das Zusatzwissen wie Akupunktur, Homöopathie, Taping, Hypnose, Trageberatung, Babymassage angeboten und zum Teil auch von den Frauen verlangt.

Warum ich das alles aufzähle? Zum einen, weil ich, ausgelöst durch die Aussage der Wöchnerin, das Thema für diesen kleinen Artikel gefunden habe, und zum anderen, weil ich unsicher bin, ob diese Akkumulation des Wissens wirklich zu mehr Kompetenz und Sicherheit und Zufriedenheit führt, wie in der Hypothese eingangs behauptet. Wie gehen wir mit dem Druck um, möglicherweise nicht auf alles eine Antwort zu haben?

Wenn das Motto »HebammenKunst macht’s möglich …« heißen würde, könnten wir dann kreativer mit den Evidenzen, unserem Erfahrungswissen und den individuellen Bedürfnissen der Frauen und Familien umgehen?

Jule Friedrich | Hebamme, Autorin, Gutachterin der WHO/UNICEF-Initiative Babyfreundlich, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Hebammenforums

Unter dem Motto:

»HebammenWissen macht’s möglich« lädt der DHV vom 27. bis 29. Mai 2019 zum 15. Hebammenkongress nach Bremen ein. Zur Einstimmung auf den Kongress haben wir verschiedene Personen nach ihren Gedanken zum Thema Hebammenwissen befragt. Die Hebammenforum-Redaktion